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Blickpunkt 4/17 online

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Zwei außergewöhnliche Vorträge beim ökumenischen Empfang der Kirchen

In den Medien taucht der Begriff in jüngster Zeit wieder häufiger auf. Angeblich ist es bedroht. Doch was ist das eigentlich, dieses christliche Abendland? Dieser Frage gingen Pastor i.R. Dr. Friedrich Seven und Superintendent Volkmar Keil Ende Februar Freitag beim ökumenischen Empfang der Kirchen in Herzberg nach und stellten dabei fest, dass es womöglich gar nicht mehr existiert.
„Ich habe mich sehr über die Einladung gefreut, weil ich auch schon immer wissen wollte, was das christliche Abendland ist“, begann Dr. Seven seinen Vortrag. Er habe es nämlich als einen „Kampfbegriff“ aus der Zeit des Kalten Krieges kennengelernt, etwas, das Westeuropa gegen die Kommunisten verteidigen musste. Dabei habe eigentlich Novalis dieses Sehnsuchtsbild geprägt, als Wunsch nach einem geeinten westeuropäischen Kulturraum.
Diese Einheit jedoch gab es nicht, führte Seven aus. So grenzte sich das weströmische gegen das oströmische bzw. byzantinische Reich ab und das lateinische vom orthodoxen Christentum, um die eigene Kultur deutlich hervorzuheben. Dabei gab es auf der iberischen Halbinsel durchaus eine Zeit, in der Christen, Muslime und Juden friedlich zusammenlebten, also auch ein islamisches Abendland. Gerade in unseren Breiten zog das Christentum mit dem Schwert ein, später galt überall der Glaube des jeweiligen Landesherren und dazu kam im Hochmittelalter der Streit zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt, zwischen Staat und Kirche, der die Entwicklung Europas lange prägte.
Die Aufklärung schließlich machte die Vernunft zur obersten Instanz im Abendland, Martin Luther die Heilige Schrift zur einzigen Autorität im Glauben, führte Keil in seinem Vortrag diese Gedanken weiter. „Die eben beschriebene Kultur prägt nicht mehr unsere Gegenwart“, stellte er fest, „Ich würde die These wagen, dass wir in einer anderen Kultur angekommen sind.“
Das zeige sich zunächst einmal am religionsneutralen Staat, der nicht mehr Gott untergeordnet ist, sondern eher von Konzernen und Medien geprägt wird. Die Kirche, so stellte er fest, wurde in einem feindlich gesonnenen Staat groß, hat also mit einem neutralen kein theologisches Problem. Dennoch führt diese neue Ordnung zum Verlust des Objektiven. Die Spezialisierung in unserer Welt wird immer größer, niemand hat mehr die Gesamtheit im Blick, Wahrheit wird somit subjektiv. „Es wird immer schwieriger, die frei in der Gesellschaft herumwabernden Werte zu begründen“, so Keil, „wir sind eine sehr kluge, aber keine weise Gesellschaft mehr.“
Für Christen hingegen gibt es eine objektive Wahrheit, noch dazu eine, die laut Jesus frei macht, frei von Trends und Moden und somit von Irreführungen. In unserer heutigen Zeit spielt Gott kaum noch eine Rolle, selbst viele Christen beschränken ihre Beziehung zu Gott auf die Kirche, während sie ihn aus dem Alltag weitestgehend verbannen. „Die Bibel widerspricht deutlich. Gott erhebt Anspruch auf unser ganzes Leben“, machte Keil deutlich. Das jedoch wird bei uns abgelöst durch eine Orientierung an persönlichen Bedürfnissen, an der Lust. Sie sei der Indikator für ein erfülltes Leben, auch wenn Lust natürlich immer nur subjektiv sein kann. Doch Glück entstehe nicht allein durch Lust, sagte Keil, „deshalb macht ehrenamtliches Engagement oft glücklicher als eine heiße Nacht.“
Allerdings sei diese neue Kultur, die er als Säkularismus bezeichnete, nicht nur negativ, räumte Keil ein. Vorher gab es immer wieder verlustreiche Kriege und die Industrialisierung führte zur Ausbeutung der Arbeiter; dagegen habe das Abendland nichts tun können. „Wer das christliche Abendland retten will, muss es nicht vor dem Islam retten“, schloss er. Durch seine Orientierungslosigkeit sei der Säkularismus eine Herausforderung für Christen, jedoch eine, die die Kirche annehmen sollte.
Auf die Worte des Superintendenten folgte langanhaltender Applaus. Doch als Pastor Bernhard Sulimma, der durch den von Musik, einem Grußwort von Ulrich Schramke im Namen der Stadt, und einem Gebet von Pfarrer Reinhard Düring von der St. Josef-Kirchengemeinde umrahmten Abend führte, zur Diskussion aufrief, blieb es erst einmal ruhig. Erst später, beim gemeinsamen Buffet, wurde in kleineren Gruppen noch lange über die beiden Vorträge diskutiert, die doch viele Zuhörer deutlich bewegt und zum Nachdenken angeregt hatten.
Christian Dolle