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Aber was feiern wir da eigentlich?

Der Dominikaner Denifle, der sich im katholischen Bereich für die Erforschung von Luthers Schriften eingesetzt hatte, hat 1910 folgendes geschrieben: „Die protestantischen Theologen sind bis heute weder über die Anfänge von Luthers nachmaligem Abfall, noch über den Zeitpunkt derselben auch nur irgendwie ins Reine gekommen; was sie sämtlich darüber sagen ist falsch oder verworren.“
Gott sei Dank können wir heute sagen, dass dieses polemische Gegeneinander heute einem ökumenischen Bemühen um einander Verstehen gewichen ist.
Aber wenn wir heute die fast unüberschaubare Literatur der vergangenen 500 Jahre über Martin Luther und die Reformation in den Blick nehmen, müssen wir Denifle ein wenig recht geben. Wofür werden Luther und die Reformation nicht alles in Anspruch genommen heute?
Heute Reformationsfest feiern, kann nur ein gemeinsames Bemühen sein, zu verstehen, was seine Beweggründe und seine Motive gewesen sind. Wer ist Martin Luther gewesen und was kann er für uns heute bedeuten, für uns als lutherische und auch für katholische Christen, gemeinsam? Was hat ihn bewegt, als er mit diesem immer wieder viel zu sehr betontem Thesenanschlag am Tag vor Allerheiligen die Reformation in Gang brachte, eine Bewegung, die bis in den politischen Bereich hinein Auswirkungen hatte, die dann keine Seite mehr unter Kontrolle halten konnte.
Die erste der berühmten 95 Thesen Luthers lautet: Da unser Herr Jesus Christus gesagt hat: Tut Buße! Hat er gemeint, dass das Leben der Gläubigen Buße sein soll.
Wohlgemerkt, Luther war, als er das schrieb, keineswegs der große Reformator. Er war ein kleiner, junger Theologieprofessor, 34 Jahre alt, an der noch ganz jungen und unbedeutenden Universität in Wittenberg. Er wohnte im Kloster und war vollkommen eingebunden in die damalige kirchliche Hierarchie. Und er hat auch nicht revolutionär den Hammer geschwungen, um der großen Kirche damals die Wahrheit einzuhämmern. Das ist ein Lutherbild einer viel späteren Zeit. Nein, er wollte diskutieren, reden, die Wahrheit ans Licht bringen und er lud mit seinen 95 Thesen zu einem Gespräch ein.
Er wollte nicht seine Meinung durchsetzen, sondern die Wahrheit finden. Er wollte gar nicht viel Publicity, öffentliche Beachtung. Aus dem Kloster ist er damals noch nicht ausgetreten. Das sollten wir in Erinnerung behalten. Aber eines war ihm wichtig. Er konnte viele Dinge der traditionellen kirchlichen Praxis nicht mehr nachvollziehen und wollte darüber reden. Nicht einfach abschaffen und bei Seite schieben, sondern reden, die Wahrheit ans Licht bringen, gemeinsam suchen und dabei auch bereit sein, die eigene Meinung zu revidieren.
Das Leben der Gläubigen soll Buße sein. Vor allem das Bußsakrament der Kirche zu der Zeit war ihm fragwürdig geworden. Ein Sakrament besteht nach katholischer Lehre aus einem göttlich-himmlischen und aus einem irdisch-menschlichen Teil. Beides kommt zusammen im Sakrament. Auf der einen Seite steht die Gnade Gottes, seine Liebe und Vergebungsbereitschaft. Allein aus Gnade, sola gratia. Dieses „reformatorische Schlagwort“ trifft auf das Bußsakrament der katholischen Kirche genauso zu. Nur auf der irdisch-menschlichen Seite des Sakramentes kamen die Werke der Menschen hinzu, wie sie diese Gnade empfangen und auf sie antworten. Und dieser Bereich war damals sehr ausgeweitet, bis hin zu den berühmten Ablassbriefen und dem oft zitierten Tetzel. Das war ein Missbrauch und darüber können wir uns heute sehr schnell einigen. Es war eine Veräußerlichung und ein Ausverkauf des Glaubens. Und darum hatte Luther Sorge um den Glauben, um das spirituelle Leben, würde man heute sagen. Er war immer dem spirituellen Leben verpflichtet bis dahin, dass manche sagen, er war aus dem Kloster heraus gegangen um die ganze Welt zu einem Kloster zu machen. Das echte spirituelle Leben war seine Sorge. Und ist das heute nicht noch viel mehr gefährdet in unserer immer mehr von außen gesteuerten Welt?
Wie kann eine Buße echt sein, wenn sie sich in solchen Äußerlichkeiten erschöpft. Wie kann ein spirituelles Leben echt sein, wenn es nur um das Aufrechterhalten und Wiederholen von kirchlichen Traditionen geht, die vielleicht gar nicht mehr richtig verstanden werden. Lasst uns doch einmal darüber reden. Nicht gleich Abschaffen, aber darüber reden, diskutieren, fragen, was sagt die Bibel dazu, welchen Sinn haben sie, welche Bedeutung, Antworten suchen und zwar solche, die die Leute auch in ihrer Sprache verstehen können. Dazu kann uns ein Reformationsfest heute einladen. Spirituelles Leben erfahrbar, erlebbar und dann vielleicht auch verstehbar machen. Das war das Anliegen Luthers mit den 95 Thesen. Und damit traf er eine große Sehnsucht der Menschen nach Erlösung, nach inneren Werten, nach spirituellem Leben. Damit löste er eine Bewegung aus, die viel mehr bewirkte, als er ursprünglich beabsichtigt hatte. Die Hierarchie der Kirche fühlte sich so sehr in Frage gestellt, dass sie sich diesem Gespräch verweigerte und Luther zum Schweigen bringen wollte.
Die Bewegung um Luther aber kam den Deutschen Fürsten sehr gelegen, die sich von Rom und dem Kaiser zu lösen und zu emanzipieren versuchten. In Luther fanden sie einen willigen Verbündeten. Und Luther war dankbar, ihre Unterstützung und vor allem ihren Schutz zu finden. Und so lief die Reformation dann los.
Das berühmte Turmerlebnis Luthers, als er den rechtfertigenden Glauben entdeckte, hat wahrscheinlich erst nach dem Thesenanschlag stattgefunden, 1518 oder 1519. Das legen Studien zu seiner Vorlesungstätigkeit als Professor für biblische Theologie in Wittenberg nahe. Aber da sind sich die protestantischen Gelehrten bis heute noch nicht einig geworden.

Bernhard Sulimma